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Obertauern – ein Ab-Riss (2)

zu Teil 1

Maria, ihm schmeckts nicht. Dass Teppiche prinzipiell wichtiger sind als Gäste sollte uns nicht die gute Laune verderben. Ein Bier im Zimmer, hübsch gemacht zum Ausgehen und los. Ein paar hundert Meter bergab ins Zentrum. Unterzwanzigjährige kommen uns in Schaaren entgegen auf dem Weg zu ihren Bussen, Österreich hat Energieferien.
In die Lürzer Alm. Obertauern ist fest in der Hand der Lürzer. Hotels, Discos, Kneipen, Bars, Skischule, Kaufhaus, Gourmetrestaurant … das muss ein Imperium sein. Nach einer gefühlten Viertelstunde hatten wir uns bis zur Bar durchgekämpft. So ein Gedränge habe ich selten erlebt. Man muss die Menschen mit Gewalt wegschieben, um vorwärts zu kommen. Und im selben Augenblick tut es einem leid, denn die können auch nirgendwohin. Eine menschliche Kettenreaktion. Die 20 cm Privatsphäre um mich herum, auf die ich sonst zu Abendveranstaltungen Wert lege (tagsüber sinds 40), kann ich vergessen. An der Bar reicht man das Viertel eines Liters mit Eiswürfeln, Vodka und Taurin. Der Preis hat Puffniveau. Neunzehnachtizg sind definitiv übertrieben. Aber die Leute zahlen. Nur so kann das Konglomerat wachsen.
Die Alternativen sind wesentlich angenehmer. Guter Indie-Pop-Mix und Elektronica. Eine Frau jenseits meines Zielgruppenalters ist in einer Euphorie aus Alkohol und lauter Musik gefangen und wischt eine imaginäre Scheibe vor meinem Gesicht mit weit gespreizten Fingern einer Hand sauber. Den späteren Reaktionen von R. nach muss ich einen verständnislosen Gesichtsausdruck voller Entsetzen gehabt haben. Wir übertreiben es nicht heute. Morgen wollen wir die schneebedeckten Hänge unsicher machen. Kraft sparen.
Frühstück wird von 8 bis 9 gereicht. Ich kann mich mit engen Zeitfenstern in meiner Freizeit nicht anfreunden. Ein schlechter Muckefuck wird zu abgezählten Brötchen, einem Wurstkäseteller und zwei Petrischalen Marmelade gereicht. Ich akzeptiere Ersatzkaffee zu Festivals oder beim Zelten, aber nicht in einem Hotel. Mein stiller Protest äußert sich, indem ich so viele Brötchen esse, dass alles Kontingentierte nochmal aufgefüllt werden muss. Der Deutsche Kaffee wird uns später noch oft begegnen, für Bohnen muss man weitere Wege auf sich nehmen.
Skier für R. und zum Lift laufen. Es ist unangenehm draußen. Kräftiger Wind. Ein Lift deswegen schon im Tal geschlossen. Auf dem Gipfel ist es dafür möglich, die Schulphysik zu überlisten. Ich muss nur meine Arme seitlich ausstrecken und fahre wieder bergauf. Das ist lustig, mache ich noch öfter an diesem Tag. Von den Pisten sieht man dafür wenig. Undurchsichtige Schneeverwehungen knapp über dem Boden geben einem das Gefühl man fährt durch Nebel, die Skier kann man meist gar nicht sehen. Sonst Eis (klar, wenn der ganze Schnee weggepustet wird) oder Schneehaufen. Dafür wenig Publikum. Mal ganz neue Verhältnisse. Ich genieße trotzdem. R. ist geschlaucht. Da die schöne Aussicht von Helmut Grieb ziemlich nahe an einer Liftstation liegt entscheiden wir uns zum frühen Nachmittag für den Abbruch. Auch dieser Lift ist geschlossen. Macht nichts, wir fahren ja bergab (mit den Armen dicht am Körper, sonst bergauf). Wir sind allein, allein, allein, allein auf einer risigen Piste im Schneesturm. Endzeitstimmung irgendwie. Bergauf müssen wir dann trotzdem noch laufen. Eine schöne Aussicht kann man ja auch nicht in einer Bodensenke bauen.

Fortsetzung folgt …

zu Teil 3 | Teil 4

written by don raspunicum on 08-Mar-2010 and filed in drawers Experience   |   eternal link of this text
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