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Eigentumssicherungsmaßnahme

Physisch war ich noch nicht ganz wieder auf der Höhe am vergangenen Sonnabend; Freitag nach der Arbeit durch Schnee und Dunkelheit gebraust und eine exzellente Nacht in Dresden erlebt, nachdem ich mich selbst überzeugt hatte, dass die Stimmung in Pirna nichts für diesen Abend war.

Also irgendwann am Nachmittag, es war einer dieser fiesen, kalten Tage mit zwanzig Grad unter Null, machte ich mich mit der Straßenbahn auf zum Neustädter Bahnhof. Eine Fahrkarte wollte ich kaufen, doch den Automaten hatte eine ältere Dame in Beschlag genommen. Sie drückte wieder und wieder ihre Taste und warf ihre Münzen ein, der Automat spuckte ihr Geld wieder und wieder aus.
Ob ich ihr vielleicht behilflich sein könne. Ja, sehr gern, der Automat nähme nämlich ihr Geld nicht. Da ich genügend Münzen hatte, kaufte ich ihr einfach den Fahrschein von meinem Geld und steckte Ihre Münzen ein. Also das wäre ja so nett, na und sowas und überhaupt. Aber es ist ja auch gerade Weihnachten und da sind die Menschen sowieso viel netter zueinander. Und es wäre ja nun nicht so, dass sie auf dem letzten Loch pfeife, aber sie hat das Geld zu Hause extra abgezählt, dass es am Automaten schneller ginge.
Der Automat hatte schlicht keine Lust auf ihre Ein- und Zweicentmünzen, wie er das auch deutlich nach außen kenntlich auswies.

Am Bahnhof noch schnell zwei Schachteln Pralinen erstanden bemerkte ich eine Taube, die mit ihren kleinen Krallen auf dem polierten, von halbwegs durch Streusalz aufgeweichtem Schnee bedeckten Granitbordstein hin und her schlitterte und sich dann doch zum Fliegen entschied.

Zu dünn angezogen für die herrschenden Außentemperaturen kam ich halb in Kältestarre am Parkplatz meines Autos an. Doch da war kein Auto. Etwas verwirrt, es aber auf das ungebührliche Hämmernen meines Kopfes abwälzend ging ich einfach weiter. Dabei war ich der festen Überzeugung, das Auto nicht weiter hinten abgestellt zu haben.
Hatte ich auch nicht, weiter hinten war auch kein gelber Wagen. Wieder vor bis ganz zum Anfang und wieder zurück zum Ende der Straße. Kein Auto. Ein Anruf “Mensch, wie betrunken war ich, was ist passiert, wo habe ich das Auto zuletzt abgestellt?” Doch der Telefonjoker bestätigte meine anfängliche Sicherheit.
Zu diesem Zeitpunkt stellte ich mir das schlimmste vor; toll, ein geklautes Auto reiht sich jetzt noch ganz sinfonisch ein in meinen körperlichen Zustand, meine momentane Haltung gegenüber Welt und Gesellschaft und ein krönender Abschluss für dieses – mit Verlaub – Scheissjahr. Zurück zum Bahnhof. Mein Telefon zeigte, wie immer, wenn ich es wirklich brauche, und das kommt selten genug vor, aber das eine Mal im halben Jahr ist es eben genau so, eine blinkende Batterie. Also benutzte ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Telekom-Telefonstele wobei mir fast das Ohr am eiskalten Hörer festfror. Den Polizeinotruf. “Hallo, mein Name ist Don Raspunicum und wie Sie sicherlich sehen können befinde ich mich am Bahnhof Neustadt in Dresden. Mein Auto ist nicht mehr dort, wo ich es gestern abgestellt habe. Entweder wurde es abgeschleppt, dann können Sie mir bestimmt sagen wohin, oder es wurde gestohlen, in diesem Fall möchte ich den Vorgang zur Anzeige bringen.” Das Kennzeichen durchgegeben. Schön, dass Beamte das deutsche Buchstabieralphabet beherrschen, ich tue es nicht. Zehn (gefühlte 20) Minuten die sinnlose Pausenmusik des Notrufs gehört; warum sind die Schleifen nicht wenigstens länger, es ist doch abzusehen, dass die meisten das für mehr als eine Runde ertragen müssen?
Ja, hallo, hören Sie? Das Auto wurde im Rahmen einer Eigentumssicherungsmaßnahme abgeschleppt, die Fensterscheibe der Beifahrertür war offen. Vielen Dank, einerseits erleichtert einem Diebstahl entgangen zu sein, andererseits schon etwas angefressen über diese Situation. Die Nummer des Abschleppunternehmens auf mein nun schon hektischer blinkendes Telefon gedrückt. Und tschüss.
Den Schlepper anrufen. Die gewählte Nummer ist nicht vergeben. Nochmal. Immernochnicht. Die Auskunft, weiterverbunden, mir den Weg beschreiben lassen, nur eine Viertelstunde Fußweg.
Mir war kalt, eiskalt, und nach der Viertelstunde Fußweg ließ sich mein Körper nur noch zu fast komatösen Reaktionen begleitet von reißendem Zittern animieren. Da schmerzte auch kurzzeitiges Rennen nur noch.
Der Schlepper wollte dann eine Ausweisung, machte mir das Tor auf und meinte, sie würden dann eine Rechnung schicken. Ach und, schöne Weihnachten.

Schönen Dank dafür, dass andere meinen, sie müssten für mich denken. Cabriofahrer lassen ihre Autos (im Sommer) auch offen. Wenn mir danach ist, meine Scheibe auf dreiviertel acht zu stellen … Oder zeige ich zu wenig Dankbarkeit gegenüber meinem fürsorgenden Staat?
Na mal sehen, was die Dienstleistung, die ich nicht in Auftrag gegeben habe, kosten soll und welche gesetzliche Grundlage den Staat davon abhält das zu zahlen, was er für mich für das Beste hält.

written by don raspunicum on 23-Dec-2009 and filed in drawers Auspiciousness, Experience, Life, People, Think, Wine and other mind quieters   |   eternal link of this text
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Comments
Comment from mortek - 09-Jan-2010 at 01:42

eieiei, was für ne derbe story :D
aber was haste bei der kälte auch das fenster aufgelassen…

Comment from don raspunicum - 09-Jan-2010 at 09:29

rauchabzug vielleicht.

Comment from mortek - 10-Jan-2010 at 20:57

rauchen is halt ne gefährliche sache…

Comment from don raspunicum - 10-Jan-2010 at 21:57

:-Q